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Angst vor der Wahrheit

Von Rainer Werner

Im Jahre 1970 erschien von Peter Handke die Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Auch Bildungspolitiker haben Angst – vor einem Eigentor. Deshalb meiden sie schulische Vergleichstests, wo es nur geht. Als 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlicht wurden, wehrten sich vor allem die Kultusminister aus rot-grün regierten Bundesländern dagegen, die Ergebnisse nach Ländern aufzuschlüsseln. Sie wussten, warum. Wissenschaftler nahmen diese Auswertung dennoch vor und kamen zu dem erwarteten Ergebnis: Die Länder mit einem gegliederten Schulsystem schnitten erheblich besser ab als die Länder, in denen egalitäre Schulformen überwiegen. Schon 1999 hatte die „Arbeitsgemeinschaft für Bildung“ in der SPD gefordert, auf einen innerdeutschen PISA-Vergleich zu verzichten: „Es ist ohne Test vorherzusagen, dass Länder mit selektiven Schulsystemen, die den Schulstrukturreformen der letzten 30 Jahre widerstanden haben, bessere Schülerleistungen in allen Schulformen haben werden.“Das Unbehagen der SPD-Kultusminister hatte damals einen Grund: Die Vergleichstests für Mathematik und Naturwissenschaften (TIMSS) für die 7. und 8. Klassen hatten einen Leistungsabstand von anderthalb Schuljahren zwischen den Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen ergeben. Gesamtschulen hatten dabei deutlich schlechter als Realschulen und weit schlechter als Gymnasien abgeschnitten.

Heute sind alle Pläne, die Ergebnisse von schulischen Vergleichsstudien zu unterdrücken, zum Scheitern verurteilt. Zu groß ist der öffentliche Druck auf die Politiker, dies zu unterlassen. Vor allem die Eltern sind kritischer geworden. Sie wollen wissen, wie die Schulform abschneidet, der sie ihre Kinder anvertrauen. Sie durchforsten akribisch die Internetseiten der in Frage kommenden Schulen, um Anhaltspunkte für deren Leistungsfähigkeit zu finden. Den Schulbehörden gelingt es nicht mehr, die Ergebnisse von Studien geheim zu halten, wenn sie ihnen nicht genehm sind. Es gibt immer beteiligte Wissenschaftler, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen und die Ergebnisse der Presse zuspielen. So geschah es mit der „Element-Studie“ von Prof. Lehmann in Berlin aus dem Jahre 2005. Im Auftrag des Senats von Berlin hatte er die Leistungen von Grundschülern in Klasse 5/6 mit denen von Gymnasiasten derselben Klassenstufen, die eines der wenigen Gymnasien ab Klasse 5 besuchten, verglichen.

Der Leistungsrückstand der Grundschüler in Englisch und Mathematik betrug teilweise bis zu zwei Schuljahren. Der SPD-Senat versuchte das Ergebnis seiner eigenen Studie geheim zu halten. Ohne Erfolg. Der Schock der Veröffentlichung war heilsam. Seitdem sind alle Grundschulen verpflichtet, den Unterricht in den Klassen 5/6 in den Hauptfächern leistungsdifferenziert zu gestalten, was die Lernergebnisse prompt verbesserte. Schlechte Ergebnisse bei schulischen Leistungstests geheim halten zu wollen, ist nicht nur ein hilfloses Unterfangen. Es ist gegenüber der Öffentlichkeit unehrlich und gegenüber Eltern und Schülern respektlos. Es ist zu hoffen, dass die Geheimniskrämerei um schulische Leistungen für immer ein Ende hat.

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