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Der SPIEGEL rüttelt wach

In der SPIEGEL-Ausgabe 38/2017 ist der Bericht zweier Redakteure über eine psychosomatische Klinik in Bad Bramstedt zu lesen, der sich mit der häufigsten Patientengruppe solcher Kliniken – den Lehrern – befasst. Der Text lässt einen nicht kalt, weil aus den Erzählungen der Lehrkräfte deutlich wird, dass für sie das Unterrichten in erster Linie ein Leidensprozess ist. Sie sind krank geworden, weil sie dem Stress im Unterricht, der aus Konflikten und Konfrontationen resultiert, nicht mehr gewachsen waren. Bei ihnen ist nichts zu spüren von der Freude und Erfüllung, die dieser schöne Beruf bereit halten kann. Der Bericht macht einen aber auch wütend, weil man an den Schilderungen der Lehrer erkennt, wie mangelhaft an ihren Schulen die pädagogische Lösungskompetenz ausgeprägt ist, mit deren Hilfe man der geschilderten Probleme Herr werden könnte.

Um dies zu verstehen, ist es nötig, eine längere Passage aus dem Bericht einer Lehrerin zu zitieren. Nur so kann man den Leidensdruck der Pädagogin nachvollziehen und die Ursachen dafür erkennen.

„Die Respektlosigkeit, die Null-Bock-Haltung der Kinder zehren an meinen Nerven. In der Klasse sind 20 Schüler […]. Und immer kommt einer zu spät. Morgens zur Unterrichtsbeginn und aus den Pausen, einfach immer. Und nicht einer oder zwei. Manchmal fünf, manchmal acht, und immer sind es andere. Die kommen ins Klassenzimmer gelatscht, Kopfhörer auf, Energydrink in der Hand.“

Ich frage mich, wie der pädagogische Austausch unter den Lehrkräften dieser Schule funktioniert. Gibt es einen Schulleiter, der sich um die Probleme in den Klassen kümmert?

Um das Problem des Zuspätkommens zu lösen, gibt es probate Methoden. Manche Schulen beschließen, dass die Schüler drei Minuten nach Unterrichtsbeginn nicht mehr in den Klassenraum dürfen. Sie müssen in einen Trainingsraum gehen und dort unter Aufsicht eine bereitliegende Aufgabe lösen. Beim dritten Zuspätkommen werden die Eltern in die Schule gebeten, um sie in ein pädagogisches Gespräch zu verwickeln. An einer Schule habe ich mir vom Schulleiter die Erlaubnis eingeholt, die Zeiten, die die Schüler verspätet im Unterricht ankamen, zu sammeln und sie dann in einer Extra-Stunde nach dem Unterricht nachzuholen. Nach zwei Monaten war das Problem gelöst. Diese Methoden sind mühsam. Sie stoßen bei den Schülern auch auf heftigen Widerstand. Sie führen aber, wenn man sie konsequent anwendet, immer zum Erfolg. Wichtig ist, dass alle Lehrkräfte sich an solchen erzieherischen Maßnahmen beteiligen. Wenn nur eine ausschert, spricht sich das herum und der Kampf in den Klassen beginnt von neuem.

Der Text berichtet noch über weitere Probleme dieser Lehrerin:

„An ihrer Schule muss jeder Schüler einen Vertrag unterschreiben: keine MP3-Player im Unterricht, keine Handys, Caps müssen abgesetzt werden, Hausaufgaben sind zu erledigen. Interessiert die Schüler nicht. Die sitzen vor ihr, quatschen, essen, telefonieren, werfen mit Papierkugeln.“

Man fasst es kaum: Es gibt klare Verpflichtungen, die die Schüler per Unterschrift eingegangen sind, und sie werden nicht eingehalten. Ich habe an einer Schule unterrichtet, an der solche Verstöße konsequent geahndet wurden. Die Geräte wurden noch im Unterricht eingezogen, im Sekretariat verwahrt und konnten nur von den Eltern ausgelöst werden. Sie mussten sich beim Schulleiter einen Termin besorgen und ein pädagogisches Gespräch über sich ergehen lassen. Es gibt in der Schule nichts Schlimmeres als Regeln, denen alle zugestimmt haben, die aber dann nicht eingehalten werden. Das untergräbt das Vertrauen und den Schulfrieden, ohne den Unterricht nur schwer möglich ist.

Der Schluss des Berichts über diese Lehrkraft:

„Wenn sie die Schüler auffordert, einen Arbeitsbogen auszufüllen, legen die meisten den Kopf auf den Tisch. Fordert sie die Schüler auf, endlich anzufangen, kriegt sie zu hören: „Alte, nerv nicht!“ Was hier geschildert wird, klingt sehr nach moralischer Verwahrlosung. Den Schülern ist jeglicher Respekt vor der Lehrerin abhanden gekommen. Man kennt solche Situationen von Brennpunktschulen in sozial schwachen Stadtteilen unserer Großstädte. Oft ist in den Klassen der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund sehr hoch. Manchmal finden sich über zehn Nationalitäten in einer Klasse. Aber auch für solche Situationen gibt es pädagogische Konzepte, die – konsequent angewandt – zum Erfolg führen. Bekanntestes Beispiel für eine solche Schule ist die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln. Diese Schule hat Verwahrlosung, Respektlosigkeit und Gewalt gestoppt, indem sie die Schüler durch intensive Projekte in Sport, Musik und Theater mental stark gemacht hat. Gleichzeitig wurde aber auch jeder Verstoß gegen die erlassenen Regeln im schulischen Umgang miteinander und im Unterricht streng geahndet. Erziehung ist anstrengend. Wenn man sie aber schleifen lässt oder gar nicht erst versucht, führt dies an solchen Schulen fast immer ins Chaos. Und es macht die Lehrkräfte krank, wie der SPIEGEL-Bericht eindringlich belegt.

Ein probates Mittel, die Eltern in den Erziehungsprozess der Schüler einzubeziehen, sind sog. Erziehungsvereinbarungen. Es sind Verträge, die zwischen Schule und Elternhaus geschlossen werden. In ihnen sind die erzieherischen Defizite der Schüler samt Gegenmaßnahmen festgelegt. Die Eltern müssen die Ratschläge befolgen. Erfolg oder Misserfolg werden ihnen in engen Zeiträumen mitgeteilt. Festgelegt wird z.B., dass der Sohn künftig seinen beleidigenden Ton gegenüber Mitschülern und Lehrkräften unterlässt. Es wird vereinbart, dass die Tochter alle Hausaufgaben bis zum Abendbrot erledigt hat. Dies wird von den Eltern kontrolliert und durch ihre Unterschrift im Hausaufgabenheft beglaubigt. Es gibt Schulen, die solche Verträge ablehnen, weil sie zu sehr in das Erziehungsrecht der Eltern eingriffen. Ich habe solche Bedenken stets mit Hinweis auf das Grundgesetz zerstreut: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Art. 6,2) – Wenn Eltern ihrer Erziehungspflicht nicht hinreichend nachkommen, kann und muss die Schule als Vertreterin der „staatlichen Gemeinschaft“ intervenieren. Schule und Schulbehörde müssen allerdings Rückgrat zeigen, wenn die Eltern die Konfrontation mit ihnen wagen.

In Deutschland werden jedes Jahr 50.000 Schüler ohne Schulabschluss ins Leben entlassen. Ihnen bleiben nur schlecht bezahlte Hilfstätigkeiten oder ein Leben in der Sozialhilfe. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Schulversagen aus dem Verhalten resultiert, das die Schüler gegenüber der Lehrerin an den Tag gelegt haben. Fortgesetzte Leistungsverweigerung kann nur im Schulversagen enden. Die Schulen haben also auch eine gesellschaftliche Verpflichtung, durch eine verbindliche Pädagogik sicher zu stellen, dass der Unterricht so stattfinden kann, dass alle von ihm profitieren.

Eine andere Lehrerin beklagt im SPIEGEL-Bericht, dass sie mit ihren Problemen allein gelassen werde: „Wer soll den gucken? Wir haben die Tür ja immer zu.“ – Tür zu und durch! Das ist Pädagogik von gestern. Ein solches Einzelkämpfertum muss nicht sein, wenn man z.B. die kollegiale Hospitation pflegt. Lehrkräfte besuchen sich gegenseitig im Unterricht, um voneinander zu lernen, aber auch um falsche Routinen, die sich nach jahrelanger Unterrichtstätigkeit einschleichen können, aufzubrechen. Es ist eindeutig erwiesen, dass sich Schulen, die sich zur Kultur des offenen Klassenzimmers durchringen, nicht nur in der Unterrichtsqualität verbessern, sondern auch ein solidarisches Klima im Kollegium erzeugen, was die Zufriedenheit im Beruf erhöht.

Eine dritte Lehrerin hat eine wahre Odyssee hinter sich. Sie wurde vom Schulrat eingesetzt, nur „um eine Lücke zu füllen“, ohne auf ihre spezielle Qualifikation zu achten: mal war es eine Schule für schwer erziehbare Kinder, mal eine Förderschule, dann eine Grundschule. Auch eine Eingliederungsklasse (manchmal heißen sie auch Willkommensklasse) war dabei. Ich frage mich, ob die Lehrkraft schon mal von der Fürsorgepflicht des Dienstvorgesetzten (Schulleiter, Schulrat) gehört hat. Es gibt Gerichtsurteile, die besagen, dass Lehrkräfte nicht dauerhaft gegen ihre Qualifikation eingesetzt werden dürfen, weil diese sonst an Wert verliert. Wenn man sich allein nicht traut, den Strauß mit dem Schulrat zu wagen, steht einem der Personalrat, den es in jedem Schulbezirk gibt, hilfreich zur Seite. Der Lehrerberuf ist anstrengend genug, als dass man seine wertvollen Kräfte auch noch im Kampf gegen uneinsichtige Vorgesetzte vergeuden sollte.

Nach der Lektüre des SPIEGEL-Artikels drängt sich einem der Eindruck auf, dass die Therapie der Lehrkräfte in der psychoanalytischen Klinik hätte vermieden werden können, wenn an der jeweiligen Schule eine vernünftige Pädagogik herrschen würde. Ein Lehrerkollegium ist eine Schicksals-, manchmal auch eine Kampfgemeinschaft. Jede einzelne Lehrkraft verdient Aufmerksamkeit und Fürsorge, aber auch tatkräftige Unterstützung, wenn sie ihrer bedarf. Die Zeit, in der Lehrer als Einzelkämpfer unterwegs waren und alle Probleme allein mit sich selbst abgemacht haben, sollte endgültig der Vergangenheit angehören – um der Schüler willen und nicht zuletzt zur Wahrung der seelischen Gesundheit der Lehrkräfte.

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