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Eine verbindliche Übertrittsempfehlung hätte sehr wohl ihren Sinn

von Josef Kraus

Unter Teilen der Elternschaft entwickelt sich beim Übergang ihrer Kinder von der Grundschule an eine weiterführende Schule manchmal eine schier hysterische Haltung. Unter diesen Eltern hat sich die Vorstellung breit gemacht, ihr Kind habe für den Rest seines Lebens nur dann gute Startchancen, wenn das Kind auf das Gymnasium geht. Diese Haltung ist durch eine Reihe von Faktoren mitgeprägt: durch die Propaganda gewisser politischer Kräfte sowie durch die OECD und gewisse Stiftungen, dass man nämlich nur dann eine Chance im „globalen Haifischbecken“ habe, wenn man Abitur und Hochschulabschluss habe, und durch den Trend zur Ein-Kind-Familie.

Bedauerlicherweise wissen viele Eltern nicht, dass es in Deutschland viele Wege zum Studium gibt; dass Deutschland trotz (oder wegen) eines geringen Anteils an Studierberechtigten die besten Wirtschaftsdaten hat (wie Österreich und die Schweiz) und dass Deutschland (wie dies beiden Länder) die niedrigsten Quoten an arbeitslosen Jugendlichen hat.

Ansonsten haben die Grundschullehrer einen genauen Blick für das Leistungsvermögen ihrer Schüler. Dieses Urteil kann gar nicht hoch genug einschätzt werden, zumal dieses Urteil das Ergebnis einer in der Regel zwei Jahre währenden Beobachtung ist und das Übertrittszeugnis damit kein isoliertes Ereignis darstellt.

Darüber hinaus sind vor allem die Leistungen eines Grundschulkindes in den Fächern Deutsch und Mathematik aussagekräftig: Viertklässler, die in diesen beiden Fächern gute Leistungen aufweisen, finden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne Umwege unter den späteren Abiturienten wieder; Viertklässler, die in Deutsch und Mathematik nur befriedigende oder schwächere Leistungen zeigen, finden auf direktem Weg eher selten den Weg zum Abitur. Das heißt nicht, dass sie nicht – auf anderen Wegen – auch zu einer qualifizierten Berufsbildung oder zu einer Studierberechtigung gelangen können.

Eine Abschaffung der verbindlichen Übertrittsbedingungen brachte und bringt keinen Gewinn an sozialem Ausgleich. Im Gegenteil! Im Mai 2010 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine 400 Seiten starke Studie mit dem Titel „Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule – Leistungsgerechtigkeit und regionale, soziale und ethnisch-kulturelle Disparitäten“ vorgelegt. Einbezogen in die Untersuchung waren bundesweit 4768 Schüler aus 227 Klassen sowie deren Eltern und Lehrer. Als ein zentrales Ergebnis wird festgestellt: Eine verbindliche Grundschulempfehlung reduziert zusammen mit einer objektivierenden Nachprüfung die soziale Ungleichheit beim Übergang in die weiterführende Schule.

Kaum anders fiel das Ergebnis einer Studie der Universität Mannheim (Autor: Jörg Dollmann) mit 708 Kölner Grundschülern Ende 2011 aus. Danach verstärkt die Abschaffung verbindlicher Übertrittsempfehlungen für Viertklässler soziale Unterschiede. Lehrer beurteilen leistungsgerechter als Eltern. Leistungsstarke Kinder aus bildungsfernen Familien finden bei einer verbindlichen Übertrittsempfehlung deutlich häufiger den Weg auf das Gymnasium. Und umgekehrt: Eltern mit höherem Bildungsumfeld melden ihr Kind bei unterdurchschnittlichen Leistungen seltener am Gymnasium an. Oder anders betrachtet: Manche Eltern mit formal höherem Bildungsabschluss tendieren dazu, ihre Kinder zu überschätzen. Lehrer dagegen orientieren sich wesentlich stärker und objektiver am wirklichen Leistungsvermögen der Kinder.

CONCLUSIO: Die deutschen Länder, auch Schleswig-Holstein, sollten aus pädagogischen Gründen (Vermeidung von Überforderung) und aus Gründen des Erhalts des Gymnasialprofils Eignungsvoraussetzungen für den Zugang zum Gymnasium festsetzen. Zudem müssen Eltern besser aufgeklärt werden über die Chancen, die sich auf nicht-gymnasialen Bildungswegen bieten.

Josef Kraus (Jahrgang 1949) ist Dipl.-Psychologe, über 20 Jahre war er Oberstudiendirektor eines Gymnasiums in Bayern, seit 1987 leitet er als dessen Präsident ehrenamtlich den Deutschen Lehrerverband (DL). Kraus ist publizistisch vielfältig aktiv. Sein letzter Bestseller, über den er auch in der Leibnizschule schon referiert hat, trägt den Titel „Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ (Rowohlt Verlag 2015 und 2015).

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