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Michael Winterhoff, erklärt, warum „Deutschland verdummt“

Bildung dient im humboldtschen Sinne der Entwicklung des Kindes  zu einem mündigen Erwachsenen, der für sich selbst entscheiden kann und auch das Gemeinwohl im Auge hat. So weit, so gut – warum das in Deutschland nicht immer klappt, erläutert Dr. Michael Winterhoff

Das heutige Schlaraffenland wird allerdings so beschrieben: In Kindergarten und Grundschule dürfen Kinder endlich frei von Erwartungen und Zwängen der Erwachsenenwelt lernen und spielen. Niemand zerrt an ihnen herum, ganz nach Temperament und Tagesform wählen sie aus, womit sie sich beschäftigen wollen. Wenn das Kindergartenkind keine Lust auf gemeinsames Singen hat, dann setz es sich eben in die Bauecke. Grundschüler werden im sogenannten „offenen Unterricht“ zur autonomen Selbstorganisation angeregt, denn unter den vielfältigen Angeboten ist garantiert etwas, was sie gerade interessiert. „Was für eine Traumschule!“, würde so manch einer sagen.

Allerdings sind Kindergarten und Grundschulen zu Stätten des organisierten Verwahrens mutiert. Es genügt schon, den ungeheuren Lärm in Klassen- und Gruppenräumen als das zu sehen, was es ist: krank machend. Das Ergebnis einer Umfrage in Schleswig-Holstein: 93 Prozent der Grundschullehrer leiden darunter.

Im Zentrum aller Verirrungen steht die Auffassung, dass man Kindern nur freie Bahn lassen muss, damit sie sich ganz von allein – also autonom – zu verantwortungs-bewussten und sozial kompetenten Erwachsenen entwickeln.

Dass das Konzept des offenen Unterrichts die PISA-Schlappe wieder wettmachen soll, ist auch heute noch als Dogma quasi unantastbar. Es ist keine Methode, sondern eine Weltanschauung.

 

Beziehungsstörung PROJEKTION (Begriff der Psychoanalyse):

Ein Erwachsener projiziert seine eigenen Wünsche und Gefühle auf das Kind – anders ausgedrückt: Das Kind muss einen Pullover anziehen, weil Mutter friert.

Das Kind führt, weil der Erwachsene alle Wünsche, die er dem Kind zuordnet, erfüllt. Damit hebt der Erwachsene das Kind auf Augenhöhe. Das ist einmal seit 1990er Jahren. Wenn das Kind sich nicht am Erwachsenen orientieren darf (weil es gesellschaftlich zu einem Tabu erklärt wird), findet bei ihm definitiv keine Entwicklung der Psyche statt.

Bis Anfang der 1990er Jahre war es die natürliche Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern zu zeigen, wie die Welt funktioniert. Hintergrund ist:

Überall auf der Welt gibt es dieselbe Reihenfolge und denselben Zeitplan der Entwicklung der kindlichen Psyche:

Die dafür notwendige Orientierung hat an früher vor allem an drei Orten stattgefunden: Elternhaus, Kindergarten und Schule.

Das ist anders geworden, da viele Eltern denken: „Was dem Kind passiert, passiert mir“ sind Computer wegnehmen oder schlechte Noten für die Eltern schmerzhaft. Deshalb haben Schule und Kindergarten hier eine ganz besonders schwere Aufgabe. Mit den Mainstream-Konzepten in Kiga und Grundschule gelingt das nicht! Grundschulkinder können nicht selbstständig lernen, weil sie noch nicht selbstständig sind und sie können auch nicht aus eigener Kraft selbstständig werden.

Die Affekte des Erwachsenen, die Vermittlung ihrer authentischen Gefühle, müssen für Kinder spürbar sein; sie geben ihm Sicherheit. Daheim orientiert sich das Kind an den Eltern, im Kindergarten an der Erzieherin, in der Schule am Lehrer. Weil es stets geführt, gelenkt und angeleitet wird, fühlt sich das Kind in der ihm noch unverständlichen Welt sicher.

Die Basis sind Bindung und Liebe zum Kind. Die Bindung aus einer liebevollen Zuwendung heraus gibt dem Kind Halt, Orientierung und Sicherheit.

 

 

 

 

Eine Entwicklung der Psyche von Kindern (Kiga u. GS) geschieht nie über das Verstehen und demzufolge auch nicht über das Erklären. Lernen durch Verstehen beginnt bei einem Kind mit altersgerechter Entwicklung ab einem Alter von 13-14. Was das bedeutet, kann am Beispiel Kippeln und Lärmampeln gezeigt werden: Nur mit Erklären kippelt der achtjährige Max weiter, ohne zu erfahren, dass es um ihn herum noch andere Menschen gibt, denen er mit seinem Verhalten auf die Nerven geht.

Die Folgen werden am Beispiel einer Gemeinde in Hessen deutlich, wie der Bericht einer Regionalzeitung deutlich macht: „Die Problematik äußert sich im Unterrichts- und Pausengeschehen in extremer körperlicher Gewalt, Körperverletzungen anderer Schüler, dem Nichteinhalten bekannter Verhaltensregeln oder durch Nichtkenntnis von Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs, Sabotage des Unterrichts durch permanente Störungen und Schlägereien, unerlaubtes Verlassen des Unterrichts, Sabotage des Unterricht durch Nichterscheinen zum Unterricht oder durch Verstecken auf dem Schulgelände“.

Schier unfassbar, dass ausgebildete Pädagogen vor der Aufgabe kapitulieren müssen, Sechs- bis Zehnjährige zu einem angemessenen sozialen Verhalten zu verhelfen.

Was in Kindergarten und Grundschule im wahrsten Sinne des Wortes Schule macht, findet seine Fortsetzung:

Warum ist das so? – Leistungsanforderungen werden permanent heruntergeschraubt. Die Kontrolle, ob eine Entwicklung der Psyche stattfindet, wird immer weiter nach hinten geschoben. Es fehlen die einfachsten Grundlagen: Heft sauber führen, rechnen ohne Taschenrechner, Umgang miteinander, Respektlosigkeit, Hand geben, in die Augen sehen, mit den Händen in der Tasche schlurfen, sauberen Brief schreiben mit Adresse und Absender, Überschätzung von Möglichkeiten und gleichzeitig unterschätzen der dafür notwendigen Anstrengungen.

 

Dann ist es nicht weiter verwunderlich, wie sich das bei Schulabgängern in Deutschland seit Längerem bemerkbar macht:

 

Am Ende müssen Unternehmen nachholen, was in Elternhaus, Kindergarten und Schule versäumt wurde: die Entwicklung der kindlichen Psyche.

 

 

 

Folgerungen für die Schule und Kindergarten

Je weniger den Kindern in der Schule abverlangt wird, desto weniger entwickelt sich ihre Psyche und desto weniger leistungsfähig sind sie. Es braucht viel Übung und Leistungsbereitschaft von Seiten der Grundschulkinder und viel Geduld und Zuwendung von Seiten der Erwachsenen, bis eine lesbare Schreibschrift entwickelt ist.

Lernen ist nicht nur Spaß, sondern immer auch eine Herausforderung, anstrengend: Es ist für ein Kind anstrengend, sich selbst die Schuhe anzuziehen, schwimmen zu lernen. Die Herausforderung, eine Schreibschrift zu lernen, lohnt sich.

Allerdings gibt es  immer weniger Anforderungen:

Eine Entwicklung, die vor Landesgrenzen nicht Halt macht: Eine Highschool in Washington arbeitet unter dem Motto: No kid left behind – glatter Selbstbetrug, wenn dann 100 Prozent das Examen schaffen. In vielen Schulen wird Unterrichtsausfall durch EVA kaschiert: EVA steht für „Eigenverantwortliches Arbeiten“; es wird gearbeitet, ohne dass ein Lehrer anwesend ist . . . Prof. Hans-Peter Klein weist auf den deutschen Kompetenzschwindel hin. Statt immer weniger Wissen einzufordern, sollen die Schüler Kompetenzen entwickeln. Mit dem Ergebnis, dass Schüler eine neunten Klasse die schriftliche Abiturprüfung locker bestehen konnten, weil sie einfach nur die Aufgabe gut gelesen haben. Der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen kommentiert: „Man einigt sich auf niedrigem Niveau!“  Unmittelbare Folge davon  ist wiederum, dass es inzwischen ein Drittel Studienabbrecher gibt. Winterhoff: „Damit der Schein gewahrt wird, damit die Kinder fürs Leben fit gemacht werden, werden sie in vielen Schulen über jede Hürde getragen.“

 

Nach all den gescheiterten Reformversuchen gilt:

Kinder brauchen den Lehrer als Gegenüber, an dem sie sich orientieren können, klare, nachvollziehbare Regeln und eine große Arbeitsruhe.

Quelle: Dr. Michael Winterhoff: „Deutschland verdummt –wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“, Gütersloh 2019

 

 

 

 

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