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„Pädagogik vor Technik“: Digitale Medien sind ein Hilfsmittel – mehr nicht

VON EGON BOESTEN

Der erste Schultag nach den Osterferien – eine unnatürlich lange Schlange vor dem Eingang der Leibniz Privatschule: das Abitur hat begonnen. Die 74 Schülerinnen und Schüler haben sich angestellt, nicht in Reih‘ und Glied, sondern in gehörigem Abstand – eineinhalb bis zwei Meter, wie es vorgeschrieben ist seit der letzten Beschlussfassung der Bildungsministerin aus Kiel.

Die Eingangskontrolle besteht aus: Hände desinfizieren, versichern, dass man keine Atemwegssymptome hat und sich an die Corona-Abstandsregeln hält. Das funktioniert im Gebäude am Ramskamp in Elmshorn und auch an der Werner-von-Siemens-Straße in Kaltenkirchen; es gibt bis zu 4 verschiedene Eingänge, die Schüler kommen sich nicht in die Quere. Im Klassenraum ein ähnliches Bild: Da wo sonst zwischen 20 oder 22 Schüler sitzen, harren jetzt an diesem Abiturtag acht bis maximal zehn Schüler ihrer Aufgaben.

Schulabschluss in besonderen Zeiten. Dieses Prozedere ist nicht nur für die zukünftigen Abiturienten verpflichtend, es gilt auch für die, die sich in der Schule an den Tagen, an denen keine Abitur-Klausur geschrieben wird, auf ihre MSA- oder ESA-Prüfung vorbereiten.

Dazwischen im Grundschulgebäude die Kinder, die in der Notfallbetreuung sind – kleine Gruppen mit maximal fünf Kindern.

Normalerweise sind bei Leibniz Hausaufgaben Schulaufgaben – Aufgaben, die in der Trainingszeit in der Schule erledigt werden können, ehe am Nachmittag Feierabend ist. Das geht in diesen Zeiten nicht.

Was haben wir in diesen Tagen gemacht? – Arbeitsaufträge und Aufgaben an die Kinder wurden regelmäßig verschickt und korrigiert. In Video-Konferenzen („Teams“) haben wir Fachliches und Organisatorisches und Persönliches (Geburtstage und Grundschulversammlung) besprochen und gefeiert. YouTube-Videos haben wir zum Teil als Lehrervortrag erstellt. Basteln mit interessanten Themenschwerpunkten kam auch nicht zu kurz; wir haben Schritt-für-Schritt-Anleitungen verschickt, dazu Sportideen für Zuhause. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Die Schüler- und Eltern-Rückmeldungen kamen unterschiedlich: mal reichlich, mal aber auch selten. Den Schulalltag zu organisieren war für viele eine Mammutaufgabe, das muss man klar und nüchtern analysieren. Video-Konferenzen mit Gruppen von Kindern erfordern ein hohes Maß an Einhaltung der Sprechregeln. Wenn es im Vorfeld klare Aufgaben gibt, der Lehrer genau sagt, wer „dran“ ist, funktionieren Video-Konferenzen ungleich besser. Man muss aber auch sagen, dass sie hauptsächlich dem zwischenmenschlichen Kontakt, dem sozialen Miteinander dienen, das gerade den jüngeren Schülern sehr zu fehlen scheint und die inhaltliche Vermittlung von neuen Inhalten stößt digital an ihre Grenzen. Aber: Es lief unkomplizierter als wir erwartet haben.

So sehr uns in diesen Tagen die digitalen Möglichkeiten nutzen und viele schon das Hohe Lied der digitalen Bildung anstimmen: Nichts ersetzt den unmittelbaren Kontakt Schüler – Lehrer. Was am Ende – ob Grundschule oder weiterführende Schule – bleibt, sei allen ins Merkheft geschrieben: Medien sind, egal ob analog oder digital, Hilfsmittel im Unterricht. Entscheidend für den Lernerfolg – Hattie lässt grüßen – sind der Lehrer und seine Professionalität. Kurz gesagt, wie es der Augsburger Professor Klaus Zierer, Herausgeber der berühmten Hattie-Studie in Deutschland, der im Herbst Referent eines Leibniz-Abends ist, zusammenfasst: „Pädagogik vor Technik!“

Aber vieles ging und geht: Mit der Lernplattform its-learning haben wir in diesen Tagen einen Großteil des „Unterrichts“ in den Oberstufenklassen bestritten. Hier finden Lehrer fertige Unterrichtseinheiten, Schüler ihre Materialien und Aufgaben, die der Lehrer begutachtet. Hier sind die Termine und Links für die Unterrichtseinheiten per Videokonferenz. Das werden wir – ein positives Ergebnis des „Corona-Unterrichts“ – peu à peu ausbauen, auch für die Sekundarstufe I des Gymnasiums und der Gemeinschaftsschule.

Nach einer Woche Digitalunterricht meldete ein Vater, dessen Tochter selten von Spielen auf dem PC lassen konnte, an die Schulleitung, seine Tochter sei kuriert, könne am Ende eines digitalen Schultages ihren PC (und die Daddelei) nicht mehr sehen und hören . . .

Egon Boesten ist Schulleiter und Geschäftsführer der Leibniz Privatschule Elmshorn & Kaltenkirchen. Die Leibniz Privatschule ist eine private Bildungseinrichtung mit Kindern und Schülern (zzt. Ca. 1700 an beiden Standorten zusammen und 200 Beschäftigten) in der Nähe von Hamburg – von der Krippe bis zum Abitur.

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